Berufsbild aus dem letzten Jahrhundert

  • 14. März 2017

Der neue ärztliche Direktor am Balgrist Spital, Mazda Farshad, hat im TA das bestehende Arbeitsgesetz kritisiert. Das stösst auf Unmut. Eine Entgegnung.

Dieser Text erschien am 14.03.2017 im Tages-Anzeiger.

Eine Entgegnung von Angelo BarrileDer neue ärztliche Direktor im Spital Balgrist, Mazda Farshad, verlangt in einem Interview mit dem „Tages-Anzeiger“, dass man Assistenzärztinnen und -ärzten die Möglichkeit geben solle, auch einmal 80 Stunden in der Woche oder gar bis zum Umfallen zu arbeiten – zwar nicht wörtlich, aber implizit. Er zeichnet damit ein rückwärtsgewandtes und überholtes Bild unseres Berufs, und er behauptet auch noch, dass er heute motivierte junge Ärzte um sechs Uhr nach Hause schicken müsse, obwohl sie gerne länger bleiben wollten. Da klingen die am Schluss angefügten Gesundheitstipps von Mazda Farshad wie ein Hohn: gesunde Lebensweise und Vermeiden von Überbelastungen.

Nein zur 80-Stunden-Woche

Gemäss Farshad erschwert das Arbeitsgesetz ärztliche Spitzenleistung und hemmt die jungen Ärzte in ihrem Arbeitseifer. Dem muss ich als Vizepräsident des Verbandes der Schweizer Assistenz- und Oberärzte entschieden widersprechen. Das Arbeitsgesetz schützt sowohl Patienten wie auch Ärztinnen und Ärzte. Die Unterstellung der Assistenz- und Oberärzte unter das Arbeitsgesetz wurde lang und hart erkämpft, und zwar von der jungen Ärzteschaft selber.

Für uns gab es keine Alternative – für die Patienten und Patientinnen übrigens auch nicht.

Sie wollte eben gerade nicht mehr 80 Stunden und mehr arbeiten – und das gilt heute mehr denn je. Die Einführung der 50-Stunden-Arbeitswoche im Jahre 2005 war ein grosser Fortschritt. Viele von uns haben als Assistenzärztinnnen und -ärzte noch Arbeitswochen mit deutlich über 80 Stunden oder Wochenenddienste vom Freitagabend um 18 Uhr bis am Montagmorgen um 9 Uhr (wohlgemerkt: Tag und Nacht) erlebt. Zwar lobte uns die damalige Chefarztetage für den Einsatz und sah in uns motivierte, ambitionierte Ärztinnen und Ärzte. Und für die Spitäler waren diese «Arbeitsmodelle» sehr flexibel. Für uns gab es dazu aber keine Alternative – für die Patienten und Patientinnen übrigens auch nicht.

Systematische Regelverletzung

Das heutige Arbeitsgesetz ist für die Spitalärztinnen und -ärzte nicht so starr, wie Farshad behauptet. Es gibt fixe Eckpunkte, die einzuhalten sind, wie zum Beispiel die Maximalarbeitszeit von 50 Stunden in der Woche oder die Regelung der Ruhezeiten zwischen den Diensten. Das Nichteinhalten des Arbeitsgesetzes hat in vielen Spitälern aber dennoch System.

Assistenzärzte müssen je nach Fachrichtung bis zu 70 Prozent ihrer Arbeit mit administrativen Tätigkeiten verbringen, das wurde kürzlich wieder in einer Studie des Universitätsspitals Lausanne aufgezeigt. Das Problem ist also nicht die eine Operation, die ausnahmsweise etwas länger dauert. Es geht vielmehr um systematische Verletzungen aufgrund von zu viel administrativer Arbeit, zu wenig Personal und ungenügender Planung. Das ist inakzeptabel.

Genügend Erholungszeit nötig

Wer im Namen von jungen Ärzten und Ärztinnen sprechen will, darf sich nicht auf seine eigene Minderheits-meinung abstützen.

Wenn Ärztinnen und Ärzte im Dienstplan bereits mit 50 Stunden oder mehr eingeplant werden, bleibt natürlich kein Raum für Flexibilität. Das ist aber nicht ein Problem des Gesetzes, sondern der Umsetzung. Diese Einsicht setzt sich zunehmend auch bei den Chefärzten durch. Mittlerweile zeigen genügend Beispiele, dass unter Einhaltung des geltenden Arbeitsrechts gearbeitet werden kann, auch in chirurgischen Kliniken.

Wer im Namen von jungen Ärzten und Ärztinnen sprechen will, darf sich nicht wie Balgrist-Chef Mazda Farschad auf seine eigene Minderheitsmeinung abstützen. Junge Ärztinnen und Ärzte wünschen vernünftige Sollarbeitszeiten, genügend Erholungszeit nach den Diensten und eine moderne, vorausschauende Dienstplanung – auf dass sie beim Älterwerden nicht unter Überbelastung leiden müssen.

Links ins Internet

Website Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (VSAO)